Die Rialtobrücke

Venedig, Italien


Die meistfotografierte Perspektive der Rialtobrücke mit (vermutlich singenden) Gondoliere im Ringelshirt
Name: Ponte di Rialto
Ort: Venedig
Land: Italien
Konstruktionstyp: Bogenbrücke
Material: Stein
Bauzeit: 1588 - 1591
Beteiligte Personen: Antonio da Ponte
Verkehrsarten heute: Fussgänger
Gesamtlänge: 48 m
Größte Spannweite: 29 m
Durchfahrtshöhe für Schiffe: 7 m
Bei Google Earth:

Während sich für manch andere schöne Brücke kaum jemand interessiert, erstickt die Rialtobrücke fast unter dem täglichen Ansturm der Touristen Es dürfte kaum eine zweite Brücke auf der Welt geben, die so häufig fotografiert wird und die auf derartig vielen Souvenirartikeln abgebildet ist, wie die Rialtobrücke.

Venedig ist aus vielerlei Gründen eine ganz besondere, vielleicht sogar eine einmalige Stadt. Schon ihre Lage am nördlichen Ende der Adria inmitten einer flachen Lagune ist eine Eigentümlichkeit, die sie auch in verkehrstechnischer Hinsicht hervorhebt. Ihre Verkehrsadern bestehen nicht wie bei gewöhnlichen Städten aus Straßen, sondern aus einem verzweigten System von Kanälen. Diese machen auch eine Unzahl von Brücken erforderlich, die ausschließlich den Fußgängern vorbehalten sind. 1


Das Vorgängerbauwerk

Die breiteste Wasserstraße Venedigs ist der Canal Grande, der die historische Altstadt in einer S-förmigen Schleife durchzieht. Dieser Kanal war einst der Mündungsbereich des aus dem Trient heranfließenden Brenta. Die Lagune von Venedig entstand durch das viele Schwemmmaterial, dass der Fluss aus den südlichen Alpen heranführt. Weil die Stadt langsam zu verlanden drohte, verlegte man im 16. Jahrhundert den Brenta südlich um Venedig herum. Den ursprünglichen Flusslauf riegelte man durch ein Schleusensystem ab, erhielt ihn aber als Kanal für die Schifffahrt. Insofern ist der Canal Grande heute nur noch der gezähmte nördliche Teil der Brenta, der aber im Gegensatz zu den anderen Kanälen über eine ständige Strömung und eine eindeutige Fließrichtung verfügt. An den meisten Stellen hat der Kanal eine Breite zwischen 40 und 60 Metern und eine Tiefe von etwa 5 Metern. Bis in das 13. Jahrhundert hinein war der Canal Grande zu breit für eine feste Brücke und konnte nur mit Fähren, später auch auf einer Schiffsbrücke überquert werden.

Die hölzerne Rialtobrücke mit aufklappbarem Mittelteil um 1500.
Ausschnitt aus einer Stadtansicht Venedigs, die Jacopo de'Barbari zugeschrieben wird.

Die erste feste Brücke über den Canal Grande soll im Jahre 1246 unter dem Dogen Renier Zen errichtet worden sein. Sie bestand vollständig aus Holz und wurde nach dem nahegelegenen Markt schon Rialtobrücke genannt. 2 Die zunehmenden Aktivitäten des Marktes und der dadurch erzeugte Warenverkehr waren maßgebend für die Entscheidung, die Pontonbrücke durch ein festes Bauwerk zu ersetzen. Die Holzkonstruktion bestand insgesamt fast 350 Jahre lang, musste aber im Abstand von etwa 25 Jahren erneuert werden, weil das Holz verrottet war. Außerdem brannte sie mehrmals nieder, wurde aber immer wieder aufgebaut. Vermutlich wurde sie bei den häufigen Sanierungen im Laufe der Zeit auch in ihrem Erscheinungsbild verändert.

Ihr Aussehen um das Jahr 1500 ist uns recht gut bekannt, weil es auf zwei historischen Kunstwerken festgehalten wurde. Interessanterweise verfügte schon das Vorgängerbauwerk der heutigen Rialtobrücke über beidseitige "Botteghe" (kleine Verkaufsräume) und einen dazwischen gelegenen Fußweg, der zur Mitte der Brücke hin anstieg. Am höchsten Punkt des Gehweges befand sich eine Zugbrücke, die auch größeren Schiffen, wie dem "Bucintoro", der pompösen Staatsgaleere des Dogen, die Passage bis zur Adria erlaubte.


Der lange Weg bis zum Baubeginn

Nachdem 1507 mit dem Ponte di Tre Archi bereits eine große Steinbogenbrücke über den Canal di Cannaregio vollendet worden war, fasste man den grundsätzlichen Entschluss, auch die Rialtobrücke über kurz oder lang durch ein Bauwerk aus Stein zu ersetzen. Allerdings spielte dabei auch der Wunsch nach einem repräsentativeren Bauwerk eine entscheidende Rolle. Der einst mächtige Stadtstaat Venedig sah sich zu diesem Zeitpunkt bereits mit einem erheblichen Machtverlust im Kreise der europäischen Staaten konfrontiert, dem der Doge Leonardo Loredan mit mehr Prunk nach außen zu begegnen versuchte.

Wirklich ernsthaft befasste man sich mit einer steinernen Brücke aber erst, nachdem die Holzbrücke 1512 und 1514 erneut bei Bränden beschädigt worden war. Dennoch scheiterte die Umsetzung des Planes zunächst; nicht aber an Finanzierungsschwierigkeiten, sondern eher an der fehlenden Einigung über die Gestaltung der Brücke an diesem zentralen Verkehrsknotenpunkt. Also wurde die Holzbrücke zunächst wieder aufgebaut und selbst nach einem teilweisen Einsturz im Jahre 1524 wiederum nur saniert. In den nächsten Jahrzehnten legten diverse Baumeister immer wieder neue Entwürfe für eine Bogenbrücke vor, während man weiterhin an der alten Holzbrücke herumwerkelte.

Mitte des 16. Jahrhunderts wurde der erste Architekturwettbewerb für den Bau einer Steinbogenbrücke über den Canal Grande ausgeschrieben. An diesem Wettbewerb beteiligten sich so namhafte Architekten wie Palladio 3 und Michelangelo 4 die zu ihrer Zeit zu den bekanntesten Baumeistern Europas gehörten. Aber auch die großen Namen konnten die Geldgeber nicht davon überzeugen, deren Pläne in die Tat umzusetzen. Der Entwurf Michelangelos gilt als verschollen, aber Palladios Vorschlag wurde durch sein bekanntes Werk "I Quattro libri dell'architettura" bekannt. 5 Mit seinem ursprünglichen Entwurf schoss der große Meister allerdings deutlich über das Ziel hinaus, denn er entwarf einen monströsen, der Akropolis ähnlichen Aufbau, auf einer überbreiten Brückenbahn mit fünf halbkreisförmigen Bögen. Als ihm klar wurde, dass er sozusagen das Thema verfehlt hatte, änderte er seinen Entwurf in eine dreibogige Konstruktion und reduzierte die überladenen Aufbauten, die aber immer noch eine tempelartige Fassade nach griechischer Tradition zeigen. Dieser geänderte Entwurf diente später als Vorlage für mehrere kleine Gartenbrücken in England, kam für die Geldgeber in Venedig aber ebenfalls nicht in Frage. Trotz der prominenten Wettbewerber konnte man sich für keinen der eingereichten Vorschläge entscheiden, sodass man das Problem für weitere drei Jahrzehnte auf die lange Bank schob.


Antonio da Ponte erhält den prestigeträchtigen Auftrag

Andrea Palladios zweiter Entwurf für die Rialtobrücke (mit drei Bögen)
auf einem fiktiven Gemälde von Canaletto

Erst der Einsturz mehrere Gebäude am Canal Grande belebte die Diskussion um ein Ersatzbauwerk für die marode Brücke neu, weil deren Grundstücke nicht gleich wieder bebaut wurden. Zunächst bildete man eine Kommission aus Fachleuten, deren Aufgabe es war die Rahmenbedingungen festzulegen und einen erneuten Wettbewerb auszuschreiben. Palladio und Michelangelo waren zu dieser Zeit längst verstorben, aber bei einem so prestigeträchtigen Vorhaben beteiligten sich wiederum zahlreiche bekannte Baumeister. Aus den eingereichten Vorschlägen kristallisierten sich diesmal Vicenzo Scamozzi (1548-1616, ein Schüler Palladios) und Antonio da Ponte (1512-1595) als die Hauptkontrahenten heraus.

Beide hatten zunächst eine dreibogige Lösung vorgeschlagen, von der sich Da Ponte allerdings bald distanzierte, nachdem wiederum keine Entscheidung zu fallen schien. Der zweite Entwurf Da Pontes sah die einbogige Lösung vor, die schließlich den Zuschlag erhielt und ausgeführt wurde. Scamozzi scheint die Auftragsvergabe an Da Ponte aber nicht widerstandslos hingenommen zu haben, denn er versuchte diese Entscheidung mit Hilfe von einflussreichen Freunden zu kippen. Auf der anderen Seite gilt in der neueren Forschung als gesichert, dass Scamozzi auf den ausgeführten Entwurf wesentlichen Einfluss genommen hat. Scamozzi behauptete später sogar, die Variante mit nur einem großen Bogen zuerst vorgeschlagen zu haben.

Da Ponte war ein angesehener und sehr erfahrener Baumeister, der bei der Übernahme des Auftrages schon 75 Jahre alt war. Er hatte schon viele Häuser in Venedig gebaut, aber noch niemals eine Brücke. Die Bauarbeiten begannen am 1. Februar 1588 gleich mit dem schwierigsten Teil, denn die sumpfigen Untergrundverhältnisse erschwerten die Gründung eines so schweren Bauwerkes enorm. Da Ponte hatte in seinem Berufsleben schon reichlich Erfahrung mit dem venezianischen Baugrund gesammelt. Er entschied sich für die in Venedig üblicherweise angewandte Pfahlrostgründung, die er jedoch durch mehrere Neuerungen verbesserte. Das Fundament der Rialtobrücke besteht aus insgesamt ca. 12.000 Erlenstämmen mit einer Länge von jeweils 3,50 m. In trocken gelgten Kastendämmen auf beiden Uferseiten wurden die angespitzten Pfähle ihrer ganzen Länge nach, dicht an dicht in den schlammigen Untergrund getrieben. Man muss berücksichtigen, dass im 16. Jhd. das Einrammen der Pfähle ausschließlich mit Muskelkraft erfolgte. Da Ponte ordnete die Pfahlköpfe allerdings nicht auf einer gleichmäßigen Höhe an, sondern in vier Abstufungen, zur Flussmitte hin fallend. Dadurch erreichte er eine Art Verzahnung des darauf aufgebauten Widerlagers mit dem weichen Untergrund.


Da Ponte erschafft ein Monument und Kunstwerk

Die von den Pfahlköpfen gebildete Oberfläche wurde mit starken Bohlen abgedeckt, auf denen das Widerlager aufgeschichtet wurde. Dabei führte Da Ponte eine weitere Neuerung ein, indem er das Mauerwerk schräg anordnete. Er ließ die Fugen so verlaufen, dass der unterste Stein des Bogens in einem Winkel von 90° auf die oberste Schicht des Widerlagers traf.

Der Segmentbogen der Rialtobrücke hat eine Spannweite von knapp 29 m und eine Pfeilhöhe von 6,40 m. Er entspricht etwa einem Viertelkreis und ist damit extrem flach, was ihn - trotz der hohen Aufbauten - außerordentlich leicht und elegant erscheinen lässt. Des Weiteren hat der flache Bogen den Vorteil, dass die Fußgänger einen deutlich geringeren Höhenunterschied überwinden müssen, als es etwa bei einem halbkreisförmigen Bogen der Fall wäre. Durch den flachen Bogen in Kombination mit dem großen Gewicht der Aufbauten entstehen allerdings gewaltige, nach außen gerichtete Schubkräfte auf die Widerlager. Es war daher nur durch die von Da Ponte gewählte Art der Gründung und die besondere Form der Widerlager möglich, mit den beengten Platzverhältnissen zwischen den Gebäuden auszukommen, weil er dadurch die seitliche Ausdehnung der Fundamente reduzierte.

Da Pontes Maßnahmen zur Stabilisierung der Widerlager sollten sich bewähren und wurden später von vielen Baumeistern kopiert. Da sie in Venedig zum ersten Mal angewandt wurden, erregten sie jedoch das Misstrauen der Öffentlichkeit. Seinem Gegner Scamozzi gelang es sogar, bei den Auftraggebern so viel Argwohn zu erregen, dass die Bauarbeiten für Monate unterbrochen wurden. Da Ponte musste all seine Beziehungen spielen lassen, um den Bau schließlich wie von ihm geplant vollenden zu dürfen.

Detail des Widerlagers mit einer Kartusche zu Ehren des Dogen Pasquale Cicogna.
Das Mauerwerk verläuft schräg, damit der Bogen in einem Winkel von 90° darauf trifft.

Im Juli 1591, nach dreieinhalbjähriger Bauzeit, war die Rialtobrücke vollendet. Schon kurz darauf hatte sie eine große Bewährungsprobe zu bestehen, als ein heftiges Erdbeben die Lagune von Venedig erschütterte, was sie jedoch unbeschadet überstand.

In Fachkreisen erregte die Rialtobrücke vor allem wegen ihres flachen Bogens und der aufwändigen Gründungsart größte Aufmerksamkeit. Viele technische Details wurden bei späteren Brückenbauten übernommen. So reiste auch der Nürnberger Baumeister Wolf Jakob Strohmer (*26.05.1561, †29.06.1614) nach Venedig um die Bauweise der Brücke zu studieren. Dabei fertigte er ein zerlegbares Holzmodell an, das heute noch vorhanden ist. Strohmer errichtete 1598 in Nürnberg die Fleischbrücke über die Pegnitz, die in einigen technischen Details Anleihen an der Rialtobrücke nimmt.


400 Jahre später - die Rialtobrücke heute

Mit etwa 23 m ist die Rialtobrücke eigentlich recht breit. Wenn man sie heutzutage betritt, hat man aufgrund der Menschenmassen die sich quasi Tag und Nacht über die Treppen schieben, dennoch ein Gefühl der Enge. Es gibt drei parallel verlaufende Gehwege, die von den beiden Ladenzeilen unterbrochen werden. Die äußeren Gehwege haben eine Breite von 5 m, während der mittlere Gang mit 6,50 m etwas breiter ist. Für die Botteghe bleiben daher jeweils nur etwas mehr als 3 m Breite. Obwohl die Grundfläche der Lädchen nur etwas mehr als 10 m² beträgt, sind sie bei den Händlern der Stadt sehr beliebt und dauervermietet. Kein Wunder, denn es dürfte nicht viele Orte in Europa geben, an dem jeden Tag so viel kaufbereite Laufkundschaft vorbeikommt.

Am höchsten Punkt der Brücke sind die Ladenzeilen durch überdachte Bögen unterbrochen, sodass der Blick der Besucher frei über den Kanal schweifen kann. Auf beiden Seiten der Brücke befinden sich Kartuschen mit Inschriften, die auf Pasquale Cicogna Bezug nehmen, den während der Bauzeit regierenden Dogen. An weiteren Verzierungen finden sich allegorische Darstellungen von Engeln an den beiden Stirnseiten sowie ein Madonnenrelief auf der Südseite.

Der eigentliche Bogen, die Treppen und die Botteghe bestehen größtenteils aus Kalkstein und hellem Marmor, was dem ganzen Bauwerk eine zeitlose, repräsentative Eleganz verleiht. Da Pontes stilvolle Renaissancearchitektur fügt sich harmonisch in das pittoreske Umfeld des Canal Grande ein. Die Rialtobrücke ist nicht nur ein Nutzbau, sondern auch ein Kunstwerk. Als solches zieht es selbst viele Künstler an, sodass die Rialtobrücke heute sicherlich eine der am meisten gemalten und am meisten fotografierten Brücken der Welt ist. Sie ist zweifellos eine der wichtigsten -wenn nicht die wichtigste- Sehenswürdigkeit Venedigs.

Aufgrund ihrer soliden Bauweise waren in ihrer über 400-jährigen Betriebszeit kaum Reparaturmaßnahmen erforderlich. Dadurch ist die Brücke in ihrem Erscheinungsbild praktisch unverändert. Die erste umfassende Sanierung des gesamten Bauwerkes begann im April 2015 und wird ca. 1 ½ Jahre in Anspruch nehmen. Es ist für die Stadt Venedig als Glücksfall zu bezeichnen, dass sich ein Spender gefunden hat, der bereit ist die nicht unerheblichen Kosten der Maßnahme zu übernehmen. Der mit Jeans zum Milliardär gewordene und sozial engagierte Renzo Rosso verzichtete außerdem auf das ihm zustehende Recht, einen großen Teil des Baugerüstes mit seiner Werbung zu versehen. Stattdessen nutzte er die Werbeflächen um auf eine Kunstausstellung aufmerksam zu machen, die ebenfalls von ihm finanziert wurde.

1 Mit ca. 450 Brücken ist Venedig aber keineswegs die brückenreichste Stadt Europas, wie manche glauben. Die meisten Brücken besitzt Hamburg mit ca. 2.470, gefolgt von Amsterdam mit ca. 1.540 Bauwerken.

2 Das Wort "Rialto" leitet sich aus "rivo alto" ab, was so viel bedeutet wie "hohes Ufer".

3 Andrea Palladio, *30.11.1508 in Padua, †19.08.1580 in Vicenza

4 Michelangelo Buonarroti, *06.03.1475 in Caprese, †18.02.1564 in Rom

5 Vier Bücher über Architektur, Venedig 1570. In Bezug auf die Rialtobrücke enthält das Werk den zweiten Entwurf Palladios mit drei Bögen.

Quellen:
  • Richard J. Dietrich: "Faszination Brücken, Baukunst - Technik - Geschichte".
    München (2001).
  • http://venedig.jc-r.net/rialto/
  • Dirk Bühler: "Brückenbau". Deutsches Museum München (2000).
  • Henryk Ditchen u. Jozef Glomb: "Berühmte Brückenbauer - Ihre Zeiten und Bauwerke". Berlin (2011).
  • Bernhard Graf: "Die schönsten Brücken der Welt"
  • David J. Brown: "Brücken - Kühne Konstruktionen über Flüsse, Täler, Meere"
  • u.a.


www.bernd-nebel.de

© Dipl.Ing. Bernd Nebel